Baltijsk (29 000 Einwohner) blieb bis heute eine für Ausländer gesperrte Stadt: Hier ist die Baltische Flotte stationiert, das frühere Seebad Pillau gilt als eine der wichtigsten Marinebasen Russlands. Darum wehrt sich die Admiralität hartnäckig gegen jene Öffnung ihres Kriegshafens, für die sich die zivile Verwaltung der Marinestadt ebenso beharrlich einsetzt, doch möglicherweise hat das Gezerre bald ein Ende: Ein Hafenbecken musste die Flotte bereits abgeben. Es wurde in ein modernes Fährterminal umgebaut, in dem nun mehrmals wöchentlich Eisenbahnfähren der Linie Baltijsk - Ust Luga (bei St. Petersburg) an- und ablegen.
Auch eine Fährverbindung mit dem deutschen Eisenbahnfährhafen Sassnitz-Mukran auf der Insel Rügen gab es bereits, sie wurde aus Rentabilitätsgründen wieder eingestellt, ist nun aber erneut geplant, starten soll sie eventuell bereits 2012.
Im russisch-amerikanischen Säbelrasseln wegen der geplanten Stationierung von US-Raketen in Polen wächst der Marinestadt im westlichen Vorposten Russlands neuerdings wieder mehr militärische Bedeutung zu. So ist unter anderem geplant, eine U-Boot-Basis von Kronstadt nach Baltijsk zu verlegen.
Die 1945 in schweren Kämpfen fast ausgelöschte Seestadt hat ihr Aussehen völlig verändert. Vom historischen Zentrum ist nur wenig erhalten. Doch manches steht und ist eine Besichtigung wert: der Leuchtturm, die Lotsenhäuser, die Zitadelle, die mächtige Mole am Pillautief...

Die Geschichte dieser Stadt ist die Geschichte ihres Hafens. Die verzweigte Anlage aus Vor-, Innen-, Hinter-, Marine- und Fischerhafen trug Pillau schon die Bezeichnung Klein-Amsterdam ein, so sehr prägen die kanalartigen Becken und Gräben das Bild der historischen Seestadt. Große Teile des zu sowjetischer Zeit noch beträchtlich ausgebauten Hafens sind allerdings nicht öffentlich zugänglich.
Der älteste Schiffsliegeplatz, der so genannte Graben, stammt aus dem Jahr 1683. Der Große Kurfürst, eigentlicher Schöpfer und Förderer Pillaus, ließ ihn anlegen, um hier die brandenburgisch-preußische Kriegsmarine zu gründen. In Pillau legten in den 1920er Jahren, als Ostpreußen nach dem Versailler Vertrag zur deutschen Exklave wurde, die weißen Seedienst-Dampfer an, unter ihnen die "Wilhelm Gustloff". Anfang 1945 schrieb Pillau als „Fluchthafen der Weltgeschichte“ das dramatisch-traurige Schlusskapitel Ostpreußens: fast 650 000 Menschen gelang von hier die Flucht in den Westen, ehe die völlig zerstörte Stadt am 25. April, zwei Wochen (!) nach der Kapitulation Königsbergs, von der Sowjetarmee erstürmt wurde.

Das historische Wahrzeichen der Seestadt wurde 1813 nach Plänen Friedrich Schinkels erbaut. Noch heute versieht der 32 Meter hohe Leuchtturm seinen Dienst, restauriert und mit moderner Technik ausgestattet. Die Tragweite seines Blinks beträgt immerhin 16 Seemeilen. Zur Plattform des Feuerträgers führen 138 Stufen hinauf, von oben bietet sich ein schöner Blick auf Ostsee, Mole und Teile der Stadt.
Vor dem Leuchtturm (russ. majak) steht seit 1997 ein Denkmal Peters des Großen. Es erinnert an die Landung des Reformzaren in Pillau am 13. Mai 1697. Auf Einladung von Kurfürst Friedrich III. von Brandenburg übernachtete Peter I. damals in der Zitadelle, ehe er seine „Große Gesandtschaft“ (Welikoje posolstwo) begann – seine berühmte Studienreise durch Europa.
Anstelle des Zaren begrüßte in Pillau einst ein Denkmal des Großen Kurfürsten die ein- und auslaufenden Schiffe. Es steht heute in Eckernförde. Nur der Sockel blieb in Baltijsk, und trägt nun Lenin...

Mehr als zwei Kilometer führt die von mächtigen Tetrapoden-Wellenbrechern gesäumte Mole (erbaut 1883) am Rand des Pillautief-Fahrwassers hinaus in die Ostsee. Vom Molenkopf, wo der verwitterte Beton einen Eindruck von der Kraft der hier bei Sturm wütenden Brandung vermittelt, reicht der Blick in nördliche Richtung an einem der schönsten Strände der Kaliningrader Küste entlang bis hinüber zur Bernsteinstadt Palmnicken (Jantarnyj). Im Vordergrund ragen drei markante Kreuze der im Jahr 2000 angelegten russisch-deutschen Soldatenfriedhofs für die während des Zweiten Weltkriegs hier gefallenen Opfer aus den Dünen – eine der beeindruckendsten Kriegsgräberstätten an der Ostsee.
Am Fuß der Mole, nicht weit von der Zitadelle entfernt, erinnert eine wuchtige Bronzestatue der Zarin Elisabeth (1709-62) daran, dass die Festung Pillau unter ihrer Regentschaft im Siebenjährigen Krieg von russischen Truppen eingenommen wurde.
Die Festung nahe der Mole, 1626-32 von Schwedenkönig Gustav-Adolf angelegt und später unter preußischer Ägide zu einer mächtigen Küstenzitadelle in Form eines fünfstrahligen Sterns ausgebaut, dient heute nur noch als Militärlager und steht größtenteils leer, blieb bislang für die Öffentlichkeit aber trotzdem gesperrt. Einmal im Jahr dürfen Besucher hinein: Ende Juli, am Tag der Flotte Russlands. Um die Pläne, hier ein Museum einzurichten und die alte barocke Festungskirche wiederaufzubauen, ist es wieder still geworden.
Die 1866 errichtete neogotische Kirche diente zu Sowjetzeiten als Kino. Seit 1992 dient sie wieder als Gotteshaus, nun der Russisch-Orthodoxen Kirche. Sie besitzt einige sehr wertvolle Ikonen. Man kann die Kirche besuchen, sollte aber die strengen Regeln der Orthodoxie beherzigen. Ul. Generala Gonowko
Das Museum im ehemaligen Pillauer Amtsgericht zeigt anschaulich und detailreich die Geschichte der Ostseemarine in Baltijsk, aber auch russische Aspekte der Stadtgeschichte von Zar Peters Landung bis zur Besetzung im Siebenjährigen Krieg.
Gegenüber dem Seetief beginnt die Frische Nehrung (Baltijskaja Kosa). 38 Kilometer der Landzunge gehören zu Russland, der Rest zu Polen. Sie ist großenteils Sperrgebiet, wobei die Behörden sich nicht ganz einig sind, ob sie es Militär- oder Grenzsperrzone nennen sollen.
Doch immerhin: Die Baltijsk-Genehmigung gilt auch für die Siedlung Kosa (Neutief) unmittelbar am anderen Ufer des Pillautiefs. Eine Fähre setzt kostenlos über, drüben kann man die Reste der zweiten Küstenfestung Gustav-Adolfs besichtigen sowie den alten, vom Militär inzwischen verlassenen Flugboothafen – ein beklemmender Ort deutsch-russischer Flottengeschichte.
Kurz hinter Primorsk in Richtung Baltijsk zweigt ein unscheinbarer Weg nach rechts ab, er führte einst in das nicht mehr existierende Dorf Tenkitten. Dort steht fast direkt an der Ostseeküste ein zehn Meter hohes Kreuz zum Gedenken an Adalbert von Prag, den ersten Missionar der heidnischen Pruzzen. Der heilige Adalbert starb hier der Legende nach 997 den Märtyrertod.
Schön Dänenkönig Knud der Große soll an dieser Stelle 1076 eine Gedächtniskapelle erbaut haben. Das erste Kreuz ließ die polnische Gräfin Elisabeth Wielkopolska 1831 aufstellen, es verschwand zu sowjetischer Zeit. 1997, zum eintausendsten Jahrestag von Adalberts Tod, errichteten Christen aus Russland, Polen und Deutschland ein neues – als Zeichen der Ökumene.
Etwa in Höhe des Schlagbaums, an dem die Passierscheine für Baltijsk kontrolliert werden (Pawlowo), führt ein Weg an die Haffseite hinunter. Dort steht direkt am Ufer eine teilweise vom Wasser umspülte Ruine: Es sind die Trümmer der 1270 errichteten Burg Lochstädt, im Mittelalter eine der bedeutendsten Festungen des Deutschen Ordens am Frischen Haff, dessen Öffnung in die Ostsee sich damals noch an jener Stelle befand, wo die Ruine steht. Friedrich I. ließ Lochstädt 1702 zur Hälfte schleifen, um die Zitadelle in Pillau zu erweitern – das Ende der Burg war damit besiegelt.
Lochstädt war und ist bis heute ein Hotspot der Bernsteinzimmer-Fahnder. Mehrere Expeditionen suchten hier schon nach dem verschollenen Schatz. Doch die gefluteten Gewölbe haben ihr Gheimnis bis heute nicht preis gegeben.