„Elchniederung“ nannte man einst die von tiefen Moorwäldern und Erlenbrüchen, Flüssen, Kanälen und sumpfigen Wiesen geprägte Landschaft am Ostufer des Kurischen Haffs. Die sprichwörtliche Weite scheint hier, zwischen dem Delta der Memel und den Niedermooren längs der Haffküste, noch schwereloser, der Himmel noch höher als irgendwo sonst im alten Ostpreußen.
Die Elchniederung war eine archaische, geheimnisumwitterte, stille, schwer zugängliche Landschaft mit Moorkolonien, deren Bewohner vor allem auf dem Wasserweg verkehrten: Straßen führten durch die Moorwälder nur wenige, der erste befestigte Weg entstand überhaupt erst im Jahr 1867. Vor allem in den urwüchsigsten Teilen der Niederung, den „Elchwäldern“ Ibenhorst und Tawellenbruch und im „Großen Moosbruch“, lebten kaum Menschen.
Das Große Moosbruch galt mit seiner Fläche von 125 Quadratkilometer einst als größtes geschlossenes Hochmoor Deutschlands. In seiner unzugänglichen Kernzone misst das heute bolschoje mochowoje boloto genannte Moor noch immer rund 40 Quadratkilometer und wölbt sich uhrglasartig fast acht Meter über dem Meeresspiegel auf – eine eigentümliche amphibische Wildnis aus meterdicken Moospolstern und schwimmenden Wiesen, Lebensraum für seltene Pflanzen vom Sonnentau bis zu verschiedenen Orchideen, Brutheimat für Schreiadler und Schwarzstörche.
Die Versuche, dieses schwimmende Land zu kultivieren, reichen bis in das Mittelalter zurück. Doch lange schlugen sie fehl, aus der Ordenszeit sind nur Urkunden überliefert, die Fischereirechte für die Flüsse der Niederung regeln. Die älteste Siedlung (Alt Heidlauken) in der Elchniederung wurde erst 1756 gegründet. In den Moorkolonien lebten von Anfang an viele Litauer, die oft ihre heidnischen Bräuche mitbrachten. Nach und nach entstanden auf erhöhten diluvialen „Inseln“ Dörfer wie Lauknen und Groß Friedrichsdorf. Das Leben in der entlegenen, schwer erreichbaren, in harten Wintern oder bei Hochwasser wochenlang von Außenwelt abgeschnittenen Elchniederung war hart und rückständig, und besonders in den Moorkolonien war man den Unbilden der Natur, vor allem dem gefürchteten Überflutungen im Herbst und Frühling, schutzlos ausgeliefert.
Erst allmählich gelang in mühsamer Arbeit die Kultivierung dieser Landschaft, Gräben, Schöpfwerke und Vorfluter ließen Landwirtschaft zu. Die Niederunger lebten vor allem vom Gemüseanbau, die „blaue Kartoffel“ aus dem Moosbruch, so genannt wegen ihrer im sauren Moorboden bläulich gefärbten Schale, avancierte in den 1920er Jahren zur Spezialität in feinen Königsberger und Berliner Restaurants.
In den 1930er Jahren nahm die Entwässerung der Moore dann allerdings Dimensionen an, die die unikale Flora und Fauna zu bedrohen begannen. Vor allem die großangelegten Lager des Reichsarbeitsdienstes und zu Meliorationsarbeiten im Moor bei Lauken (heute Gromowo) zusammengepferchte Gefangene und später sogar KZ-Häftlinge legten große Areale des Moosbruchs trocken.
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Als Kulturlandschaft ist die „Elchniederung“ Geschichte. Mit dem Bevölkerungsaustausch nach dem Krieg rissen nicht nur Bräuche und Traditionen, sondern auch der „Wissenstransfer“ ab. Entsprechend gründlich scheiterten die sowjetischen Agrarstrategen. Ihre tonnenschweren Traktoren zerwalzten die Drainagen, niemand scherte sich um Gräben und Schöpfwerke, das in Generationen ausgeklügelte Entwässerungsystem brach zusammen. Seither hat der Mensch den Rückzug angetreten. Sussemilken, Franzrode, Karlsrode, Tunnischken und wie die Moorkolonien alle hießen: verschwunden. Viele der alten Nehrungsdörfer auch. Das land sinkt unaufhaltsam in seinen Urzustand zurück, die Moore wachsen wieder. Auch das Tier, das der Niederung seinen Namen gab, fühlt sich hier sehr zu Hause: Etwa 150 Elche leben zwischen Memel und Haff.
Das kleine Dorf am Gilgestrom war vor allem wegen seiner Kirche bekannt: Das achteckige, 1703 (nach fast 30 Jahren Bauzeit) geweihte Gotteshaus ist ein Werk des Architekten Philipp von Chiezé, der auch das Potsdamer Stadtschloss entwarf. Seine Ehefrau Luise von Chiezé, geb. Rauter, war in der Elchniederung aufgewachsen und bemühte sich sehr um die Kultivierung der Landschaft. Einige der ersten großen Entwässerungsprojekte und die Kanalisierung von Teilen der Gilge zwischen 1670 und 75 wurden von ihr initiiert.
Alt Lappienen hieß daher von 1936 - 46 Rauterskirch, und das Vorwerk Neu Lappienen auf der anderen Seite der Gilge wurde seinerzeit im Rahmen der nationalistisch motivierten „Germanisierung“ ostpreußischer Ortsnamen in Rautersdorf umbenannt. Heute heißt es Malyje Bereschki, ist aber nur über einen 30 km weiten Umweg zu erreichen: Die Brücke über die Gilge existiert nicht mehr.
Auch von der berühmten Kirche blieb nur eine Ruine, doch seit einigen Jahren wird sie mit Hilfe ehemaliger Einwohner schrittweise restauriert. Wie sehr sich die Zeiten geändert haben, zeigt auch die kleine Grabplatte an der Kirchenwand mit der deutschen Aufschrift „Ich bin zu Hause. Danke dafür!“: Hier liegt der am 29. Januar 2004 in Sachsen verstorbene Willi Zenkert begraben. Sein sehnlichter Wunsch war es, in seinem ostpreußischen Heimatdorf bestattet zu werden. Der Wunsch ging in Erfüllung.
Das malerisch inmitten weiter Niedermoorwiesen lädt auch zu stilllen Wanderungen ein. Ausgeschilderte Wege gibt’s nicht, doch verlaufen kann man sich in der tellerflachen Landschaft kaum.
Nach Bolschije Bereschki kommt man über eine kurze Allee von der Straße Timirjasewo-Sapowednoje aus.
Das größte und schönste Dorf der Niederung am Haff schmiegt sich an beide Ufer des gemächlich dahinfließenden Gilgestroms, heute kanal Matrosowskij genannt, und bietet Bilder wie aus der Zeit gefallen. Zwar ist die Kirche verschwunden, doch die alten, zum Teil an litauische Bautradition erinnernden Holz- und Backsteinhäuser der Gilger Fischer stehen fast unverändert an den Ufern des Flusses, manches haus umgibt ein Geflecht aus verwitterten Netzen und üppigwilde Blumenpracht. Anfang der 1990er Jahre, als viele Russlanddeutsche auf der Flucht vor nationalistischer Politik aus Kasachstan in das frühere Ostpreußen zogen, kam Elena Ehrlich nach Gilge und baute hier die verkommene Ruine des alten Hotel Adomeit zu einer kleinen Pension aus. Dort kann man gut rasten.
Nach Matrosowo kommt man von Polessk aus: Eine schmale Asphaltstraße führt 25 km am malerischen Großen Friedrichsgraben entlang bis in das alte Niederungsdorf Nemonien, heute Golowkino. Dort ist eine Pontonbrücke zu überqueren, danach sind es nur noch drei Kilometer auf einer Birkenallee am Rand eines urwaldhaften Erlenbruchs entlang bis Gilge.
Als Sitz eines zentralen Kolchos blieb dem großen Dorf an der Gilge östlich des Tawellenbruchs der Niedergang anderer Ortschaften in der Umgebung erspart. So sind immer noch viele Bauten aus der Vorkriegszeit erhalten und vermitteln einen Eindruck vom alten Seckenburg, das es als Marktflecken der südlichen Niederung zu einigem Wohlstand brachte. Auch die neugotische Kirche blieb erhalten – als Getreidespeicher des Kolchos, aus dem inzwischen eine Agrargenossenschaft wurde. Neuerdings entdecken Stadtmenschen die Niederung, wie die überall im Dorf entstehenden, zum Teil villenhaft protzigen Wochenend- und Wohnhäuser zeigen: Sie gehören reichen Kaliningradern und Tilsitern. Die Anwesen verändern den Charakter des Dorfes beinahe noch mehr als der Verfall in den Jahrzehnten zuvor.
Auch von Sapowednoje aus lohnen sich Wanderungen in die Landschaft der Niederung – z.B. an der Gilge entlang zur vier km östlich gelegenen ehemaligen Oberförsterei Tawellningken. Hier beginnt der Tawellenbruch, einer der legendären Elchwälder der Niederung.
Timirjasewo ist nach einem berühmten russischen Agrarwissenschaftler bekannt. Vor dem Krieg hieß es Neukirch, und die Ruine des 1729 von König Friedrich Wilhelm I. gestifteten Gotteshauses steht unübersehbar mitten im Ort, der ansonsten nur noch ein verwahrloster Schatten des alten Niederungsdorfes ist. Das Kriegsende überstanden Dorf und Kirche völlig unversehrt, wie Fotos aus den 1950er Jahren zeigen. Die ausgeschlachtete Kirche wurde in ein Kolchoslager umfunktioniert, für die Traktoren brach man große Öffnungen in die Wände. Als in den Krisen der 1990er Jahre die Landwirtschaft zusammenbrach, war das Schicksal der einstigen Kirche besiegelt. 1995 brannte sie aus.
Vor dem Gotteshaus steht wie ein Mahnmal noch das alte Friedhofsportal. Von den Häusern im Dorf steht aus der Vorkriegszeit nur noch die Hälfte, der Rest verfällt.