Menschen siedeln auf dem samländischen Küstenstreifen und der Kurischen Nehrung schon seit Jahrtausenden. Der älteste archäologische Fund aus dem Gräberfeld Wiskiauten zwei Kilometer südwestlich der heutigen Cranzer Ortslage stammt immerhin aus der Jungsteinzeit, mit anderen Worten: aus dem zweiten Jahrtausend vor Christi. Mehr zu solch fernen Vorfahren, wozu hier auch die Wikinger zählen sollen sowie die heidnischen Prussen, die Ureinwohner der Gegend: www.wiskiauten.eu
Die eigentliche Cranzer Geschichte beginnt, salopp gesagt, mit einer Kneipe. Die Ritter des Deutschen Ordens, die den heidnischen Landstrich an der Ostsee im frühen 13. Jahrhundert christianisiert sprich erobert hatten, legten 1282 am südlichen Ende der Kurischen Nehrung nahe der Küste einen Krug an. Für die Ordensleute war der Weg über die neria curoniensis, die Nehrung in Richtung Kurland (im heutigen Lettland, wo der Orden ebenfalls Besitztümer erobert hatte), Litauen und die Festungsstadt Memel sehr wichtig. Sie nannten den Krug Krantas – einem alten prussisches Ortsnamen nach, der soviel wie „Uferabhang“ bedeutet und den Schluss nahe legt, dass es hier wahrscheinlich schon vor der Ordenszeit eine heidnische Siedlungsstelle gegeben hat.
Neben dem Gasthaus gab es zu dieser Zeit wohl noch eine Vogelfängerhütte in der Nähe sowie bald auch eine Falknerei.
Der Orden lässt an der im Mittelalter noch dicht bewaldeten Küste nicht nur Häuser bauen und Wege anlegen, sondern auch radikal Bäume fällen. Auf solchen Kahlschlägen wird sich im Lauf der folgenden Jahrhunderte Treibsand in Bewegung setzen, sich schließlich auf der Nehrung zu riesigen Wanderdünen auftürmen, die mehr als Dutzend Dörfer unter sich begraben...

Aus der Gaststätte der Ritter und Raststätte der Reisenden wächst im Lauf der Zeit ein munteres Fischerdorf namens Cranzkuhren (auch: Crantzkuhren, Krantzkuhren). Zeitweise, so ist aus preußischen Chroniken zu erfahren, hatten die kurischen Fischer hier, auf dem schmalen Landsteg zwischen Haff und Ostsee, mehr als hundert Boote in Betrieb, die meisten wohl binnen, doch auch auf offener See.
Doch zu einem mondänen Seebad mit Hotels, Strandpromenade und vielen tausend Badegästen begann sich der Ort erst im frühen 19. Jahrhundert zu entwickeln. Überall an der Ostsee, wo es schöne Strände und heilsame Luft gibt, treibt zu dieser Zeit der Badetourismus erst zaghafte Blüten: in Jurmala bei Riga, im litauischen Polangen (Palanga), in Heiligendamm bei Rostock, Binz auf Rügen, auf der Nachbarinsel Usedom.

Und in Cranz. Es ist das älteste Ostseebad an der Samlandküste. Schon Ende des 18. Jahrhundert war in einem Königsberger Journal erstmals das Baden in der Ostsee als gesundheitsfördernd erwähnt worden. 1816 wird in Kranz, wie es mittlerweile heißt, von einem gewissen Medizinalrat Dr. Kessel die erste Badeanstalt eingerichtet. Mit zwei Badezellen, streng abgeschirmt vor den Blicken der Öffentlichkeit, geht es los. Schon ein Jahr später öffnet das erste Warmbad, 1821 das "Große Logierhaus" am Strand. Die Heilwirkung des Seeklimas gilt in Cranz als besonders gut, bald ergänzt durch medizinische Moorbäder, was dem nun regen Aufschwung und bald einen gewissen städtischen Charakter annehmenden Ort den Beinamen „Königlich-Preußisches See- und Moorbad“ einbrachte. Königlich?? Doch doch! Dass auch Ostpreußens Excellenzen Cranz für sich entdeckten, damit schmückte sich das elegante Bad besonders gern.
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Sie hatten ja auch viel Gutes von dieser hochherrschaftlichen Aufmerksamkeit, die Küstenleute. Nicht nur Reklame. König Friedrich Wilhelm IV. etwa, der Cranz 1843 besuchte, war von dem Seebad so begeistert, dass er gewaltige Mittel bewilligte für das Anpflanzen von Bäumen an der vor allem seit der russischen Besatzung im Siebenjährigen Krieg (1757-62) arg geplünderten Küste.
Seit 1777 war Cranz Kirchdorf. Doch erst 1855 wurde die im neugotischen Stil erbaute Adalbertskirche geweiht, benannt nach dem Heiligen Adalbert von Prag, dem ersten Missionars der prussischen Stämme. Da dem 42 Meter hohen Turm von St. Adalbert bei der Weihe die Glocke fehlt, stiftet das benachbarte Bludau ein Geläut.
Schon 1826 war mit dem Bau der Chaussee Königsberg-Cranz begonnen worden - 1852 wurde sie endlich fertig. Drei Stunden brauchen die Kutschen für die Strecke. Der wirkliche Renner war das noch nicht.
Einen wirklichen Durchbruch für die Entwicklung zum beliebtesten und größten See-Kurort Ostpreußens bedeutete die Eröffnung der „Königsberg-Cranzer Eisenbahn“ am 8. Juli 1885. Von nun an brachten Personenzüge die Badegäste bequem und schnell (aus Königsberg in einer halben Stunde) an die Küste. Die Lokomotiven trugen Namen von Seevögeln…

In seiner „goldenen Zeit“, die um die Jahrhundertwende begann in bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges anhielt, blühte Cranz zu einer der vornehmsten Adressen für Badeferien an der Ostsee auf – gleichauf mit Binz, Zoppot, den Kaiserbädern Usedoms. Dazu trug auch der schneeweiße, feinsandige, bis zu 100 Meter breite Strand bei. Diplomaten, bekannte Schriftsteller, wohlhabende Bürger stiegen im Sommer in der knapp 5000 Einwohner zählenden ostpreußischen Ostseestadt ab. Zwischen Altstadt und Küste entstand der von Cafés, Restaurants und dem großen Kurhaus gesäumte "Corso", eine Flaniermeile mit einer fast einen Kilometer langen hölzernen Uferpromenade, die zugleich dem Küstenschutz diente, vor allem aber dem sehen-und-gesehen-werden...
Mehr als 50 Hotels und zum Teil stattliche Pensionen warben um Gäste, viele im verspielten Stil der Bäderarchitektur entworfen und so fein wie die Gesellschaft, die in Cranz logierte: das schneeweiße „Schloss am Meer“, das beliebte „Strandhotel“, das „Hotel zum Elch“, das „Monopol“, die „Villa Hohenzollern“… Aus einem Küstenhain am östlichen Stadtrand in Richtung Nehrung wuchs die Plantage, ein idyllischer Waldpark mit seinem beliebten "Storchenteich", Tennisplätzen, einem Gartenlokal mit Freilichtbühne, Musikpavillons. Auf der anderen Seite entstand ab den frühen 1920er Jahren zwischen der Graf-Keyserlingk-Straße und der Strandpromenade die „Kolonie (Colonie) Westende“, in der sich wohlhabende Königsberger ihre Villen und Sommerhäuser bauten.
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Vom Hafen Cranzbeek am Haff, zwei Kilometer vom Stadtzentrum entfernt, fuhren täglich Salondampfer nach Memel und Tilsit ab, mit denen man auch alle wichtigen Orte auf der Kurischen Nehrung erreichen konnte. Thomas Mann stieg hier 1929 aufs Schiff, um einen Ausflug nach Nidden zu unternehmen. Begeistert von der Nehrung, ließ er sich dort sein berühmtes Sommerhaus auf dem Schwiegermutterberg bauen…
Eine Spezialität noch aus der Zeit des Fischerdorfes waren die Cranzer Flundern. Die bis zu 45 Zentimeter langen Plattfische, die in diesem Teil der Ostsee besonders häufig vorkommen, wurden fangfrisch an Leinen gespannt und über schwelenden Tannenzapfen geräuchert. In der Fangsaison roch der ganze Ort nach dem würzigen Rauch.
Zu Beginn des Zweiten Weltkrieges war die Einwohnerzahl auf etwa 6000 angewachsen. Stadtrecht bekam Cranz dennoch zu deutscher Zeit nie. Mit ihrer Infrastruktur, einem der modernsten Kanalisationssysteme etwa, eigener Telegraphenstation, Elektrizitätswerk und Gasanstalt, Tiefwasserbrunnen, Krankenhaus, Straßenbeleuchtung und den gepflasterten, zum Teil schon asphaltierten und täglich mit einer eigenen Kehrmaschine gereinigten Straßen war Cranz aber längst eine richtige Stadt geworden...

Glanz und Gloria des Seebades Cranz endeten abrupt 1945. Am 4. Februar wurde der Ort von der Sowjetarmee eingenommen - kampflos und quasi unzerstört. Der weitere Verlauf der Geschichte ist bekannt, festgeschrieben im Potsdamer Abkommen der Siegermächte: Preußen verschwand von der europäischen Landkarte, der Norden Ostpreußens mit Königsberg fiel an die Sowjetunion, wie Stalin es schon ein Jahr vor Kriegsende auf der Konferenz von Jalta gefordert hatte – vor allem auf einen eisfreien Ostseehafen für seine Marine bedacht. Bis 1948 wurden alle Deutschen, die den Krieg und die mörderischen Wirren der Nachkriegszeit in Ostpreußen überlebt hatten, nach Deutschland deportiert, zugleich Menschen aus vielen Regionen der Sowjetunion in der Beuteprovinz angesiedelt. Aus Königsberg wurde Kaliningrad, als Cranz Selenogradsk (1947), und Moskau wandelte das „Kaliningrader Gebiet“ in eine jahrzehntelang für Ausländer hermetisch abgeriegeltes Militärsperrzone um. Erst 1991, nach dem Ende des kalten Krieges, öffneten sich die Stacheldrahttore dieser verbotenen Region wieder.
Das heutige Selenogradsk ist mit dem alten Cranz kaum noch vergleichbar. Die feinen Hotels am Corso sind verschwunden oder nach Umbauten kaum noch zu erkennen. Die hölzerne Strandpromenade wurde 1970 abgerissen und durch eine Betonpiste ersetzt. Der historische Stadtkern ist weitestgehend erhalten, aber von Verfall und dringender Sanierungsnot gezeichnet. Die Plantage: Wildnis und Gestrüpp. Am besten erhalten blieb noch das alte Westend. Selenogradsk trägt schwer an den Erblasten der sowjetischen Jahrzehnte, als im Kaliningrader Gebiet vor allem ein Interesse zählte: das des Militärs.

Doch Zeichen eines Neuanfangs, des Umbruchs, sind unverkennbar, und das macht die heutige Stadt zu einem spannenden Ort. Selenogradsk (13500 Ew.) ist, wie einst Cranz, einer der beliebtesten Kurorte der Region, an schönen Sommerwochenenden drängen sich bis zu 40 000 Tagesgäste am Strand. Vor allem aus Moskau kommen, seit es Russland aufwärts geht, von Jahr zu Jahr mehr Feriengäste, die staatlichen Kur-Sanatorien "Selenogradskij" und "Tschaika" (Möwe) sind Sommer wie Winter ausgebucht. Überall wird gebaut, vor allem schicke, villenhafte Privathäuser, aber auch neue moderne Hotels und Restaurants, und die zeigen deutlich die Richtung, in die die Stadt sich entwickelt: Tourismus. Zurück in die Zukunft sozusagen….
Sehenswertes im heutigen Selenogradsk finden Sie hier.
Der Name Cranz heißt ursprünglich schlichtweg "Ort an der Küste". Sowohl im kurischen kranta als auch im prussischen krant als auch im litauischen krantas steckt die Bedeutung Ufer, Rand, Küste, Strand.

Das Moor- und Seebad Cranz bekam zwar nie Stadtrecht, doch ein offizielles Wappen besaß der Ort immerhin, seit dem 15. Mai 1937, wenn die Chronik nicht trügt. Es zeigte zwei regionale Symbole: die Flunder als Wahrzeichen der Stadt und die Elchschaufel, das Wappentier Ostpreußens.
Das neue Wappen, das sich der heutige Kurort Selenogradsk 2001 schuf, ist dem historischen Vorbild nachempfunden. Wie das Original zeigt es die Flunder, auf russisch kambala genannt. Die Plattfische gibts immer noch reichlich in der Ostsee, freilich sucht man die berühmten Cranzer Räucherflundern in Selenogradsk vergebens. Noch ...
Geographische Position:
54° 58,3' N / 20° 29,6' E
Einwohner: 12 648 (2006)
Postleitzahl: 238530
Telefonvorwahl: (+7) 40150
Kälterekord: - 33,3 °C (25.01.1942)