Jantar heißt auf russisch Bernstein – und der ist gewissermaßen der Grund, dass es den Ort Jantarnyj überhaupt gibt. Das einstige Palmnicken war jahrhundertelang nicht mehr als ein Fischernest am rauen Westkliff der samländischen Küste. Erst die industrielle Förderung des Bernsteins, den es hier so konzentriert gibt wie nirgendwo sonst auf der Welt, ließ daraus die beinahe kleinstadtartige Siedlung wachsen.
Am Rand des Ortes liegen die beiden Bernsteintagebaue, in denen pro Jahr etwa 600 bis 700 Tonnen Rohbernstein gefördert werden. Rings um Jantarnyj stößt man überall auf Spuren der industriellen Abbaus. Der 1899 erschlossene erste Tagebau Kraxtepellen ist heute ein riesiger See, in dem auch Palmnickens ältestes frühgeschichtliches Siedlungszeugnis versank: ein großer pruzzischer Burgwall.
Jahrzehntelang war Jantarnyj Sperrgebiet und nur mit Sondergenehmigung zu betreten, Tourismus spielte hier trotz der traumhaften Ostseelage bis vor kurzem überhaupt keine Rolle. Das beginnt sich gerade stürmisch zu ändern. Die Bernsteinstadt steckt in einer Aufbruchstimmung, überall wird gebaut und renoviert, gerade öffnete ein erstes Hotel, weitere sind in Planung. Die Verwaltung hat dutzende Projekte zu einem „Bernsteintourismus“-Konzept gebündelt, Jantarnyj wurde damit 2008 in einem Gebietswettbewerb zur Gemeinde mit der besten Entwicklungsplanung gekürt.
Doch das alles wirkt nur wie ein Vorspiel zu jenen Plänen, die die russische Regierung für ein Areal zehn Kilometer südöstlich von Jantarnyj plant: die luxuriöse Casino-Stadt „Amber Coast“ mit Dutzenden Hotels, Spa-Zentren, mehreren riesigen Hallenbad-Komplexen und Spielcasinos. Wenn auch nur ein Teil dieses (im Kaliningrader Gebiet hochumstrittenen) 11-Milliarden-Euro-Projekts Wirklichkeit wird, steht der wildromantischen Bernsteinküste ein radikaler Wandel bevor.

Der Tagebau des Bernsteinwerkes "Russkij Jantar" befindet sich am Ortsrand und ist öffentlich leider nicht zugänglich. Man braucht eine Spezialgenehmigung, die man im Bernsteinwerk erhält, dort müssen auch alle Führungen angemeldet werden. Das lohnt sich durchaus, denn so einen Tagebau gibt es weltweit kein zweites Mal. Mehr als 60 Meter haben sich die Bagger schon in die bernsteinführende "Blaue Erde", die Wissenschaftler sagen Sukzinid, hinabgegraben. Auch an der Küste sind ehemalige, inzwischen geflutete Bernsteintagebaue zu sehen.
Ende Januar 1945 verübte ein SS-Kommando an der Bernsteinküste das letzte Massaker des Holocaust. Etwa 7000 jüdische Häftlinge aus Außenlagern des KZ Stutthof (bei Danzig) wurden in tagelangen Todesmärschen nach Palmnicken getrieben. Dort wollten die SS-Bestien sie zunächst lebendig in den Bernsteinschacht einmauern, doch mutige Einwohner verhinderten das. In der Nacht zum 31. Januar wurden die Häftlingskolonnen, überwiegend Frauen, am Strand erschossen oder unter MG-Salven ins Meer gehetzt. Nur 21 Menschen überlebten.
Ein schlichter Gedenkstein bei der ehemaligen Anna-Grube in der Nähe des Strandes an nördlichen Rand der Sielung erinnert in Russisch und Hebräisch an den grausamen Massenmord. Das letzte bekannte Massengrab der Opfer des Massakers liegt ein paar Meter weiter in Richtung Strand, eine Gruppe Birken zeigt es an.
Das Jantarnyj Samok, zu deutsch Bernstein-Schloss, ist ein kleines privates Museum an der Hauptstraße in der Nähe der Kirche. Es zeigt die Geschichte der Bernsteinförderung in Palmnicken und Jantarnyj vom Mittelalter bis in die industrielle Zeit. Sehenswert ist auch die Ausstellung über russische Schnitzkunst. Vor dem „Schloss“ warten nach dem Rundgang die Händler. ul. Sowjetskaja 60a
Die 1892 vor allem für die Angestellten des Bernsteinwerkes erbaute, architektonisch reichlich landesuntypische neugotische Feldsteinkirche gehört seit 1990 den Russisch-Orthodoxen, die sie wieder instand setzten und dort nun ihre Gottesdienste feiern. ul. Sowjetskaja 46

Das einstige Groß Dirschkeim markiert die Nordwestecke der samländischen Halbinsel. Vom historischen Dorf ist nicht viel erhalten, der Ort macht einen ziemlich verwahrlosten Eindruck und überall stehen Verbotsschilder herum: In Donskoje ist eine große Militäreinheit stationiert, die bis heute einen beträchtlichen Teil des Ortes besetzt. Leider auch das Kap Brüsterort, russ. Mys (Kap) Taran und den dort stehenden Leuchtturm von 1846: ein schlanker achteckiger Ziegelbau, der noch heute in Betrieb ist, weil sich von Brüsterort/Kap Taran ein Steinriff mehrere Kilometer weit ins die Ostsee erstreckt.
"Ich habe bis Mitternacht dagestanden. Das Meer im Mondlicht, es war ein großartiges Schauspiel. Ich werde diese Nacht nie vergessen, sie ist das Größte und Schönste, was ich seit meiner Abreise aus Italien erlebt habe", schrieb Wilhelm von Humboldt 1809 in sein Tagebuch - nach einer Übernachtung am Leuchtturm Brüsterort. Das historische Seezeichen steht heute leider unerreichbar im Militärgelände.
Doch man kann hier wunderbar an der wildromantischen Kliffküste entlangwandern und das von Stürmen zerzauste Kap umrunden. In Richtung Jantarnyj läuft die steile Kante allmählich in sanfteren Hängen aus, die über und über von Sanddornbüschen bewachsen sind. Vom Kap in Richtung Swetlogorsk/Rauschen beginnt einer der schönsten Abschnitte der Bernsteinküste: Das Kliff wird hier immer wieder von bewaldeten Schluchten durchbrochen, am „Strand“ liegen zahllose große und kleinere Findlinge.
Das Dorf Russkoje (Germau), 6 km südöstl. von Jantarnyj, beherbergt den größten deutschen Soldatenfriedhof im Kaliningrader Gebiet, 1995 vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge und seiner russischen Partnerorganisation Memorial angelegt. Neben den Mauerresten der Germauer Ordenskirche ruhen auf einer sehr würdevollen, gepflegten, und durch die Stille der Natur ringsum umso beeindruckenderen Anlage die Gebeine Hunderter Gefallener, von den Weltkriegsschlachtfeldern des Samlandes hierher umgebettet.
Der Friedhof liegt an einem sehr geschichtsträchtigen Ort. Hier befand sich die legendäre Pruzzenburg Girmowe, die dem deutschen Orden lange Zeit widerstand und ein Zentrum des heidnischen Kampfes gegen die fremden Mönchsritter war. Die Burg befand sich genau dort, wo heute die Kirchruine steht.
Später, als der Orden im 13. Jahrhundert schließlich auch hier obsiegte, war Germau lange Sitz des Bernsteingerichts.
Wer den Soldatenfriedhof besucht, sollte auch das Memorial aus sowjetischer Zeit dem Haupteingang gegenüber auf der anderen Straßenseite bedenken. Hier stehen die Namen jener verzeichnet, die bei den Kämpfen Anfang 1945 auf russischer Seite fielen. Sind beide Gedenkstätten doch zwei Seiten einer Medaille...

Schauen Sie den russischen Bernsteinmeistern über die Schulter! Die Werkstatt Jantarnaja Laguna bietet kostenlose Führungen, und natürlich ist das „baltische Gold“ hier auch käuflich. Die Schnitzer arbeiten auch nach Kundenwünschen.
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