Lesnoje ist das südlichste Nehrungsdorf. Zu deutscher Zeit hieß es Sarkau. Es wuchs wie die meisten Siedlungen rings um einen in der Ordenszeit hier angelegten Krug: bereits 1408 erwähnt ein Wegebericht des Ordenskomturs einen Krug etwa einen Kilometer nördlich der heutigen Dorflage.
Das Sarkau war lange eines der größten und wohlhabendsten Dörfer der Nehrung, weil hier neben der Fischerei auch Landwirtschaft möglich war: Der Boden rings um das Dorf ist sehr fruchtbar, er gehört geologisch gesehen zu einer der diluvialen (Geschiebemergel-)Inseln, aus denen die Nehrung entstand.
Als einziger Ort der Halbinsel liegt Lesnoje/Sarkau sowohl an der Haff- als auch an der Ostseeseite: Die Nehrung hat hier ihre schmalste Stelle und misst nördlich von Lesnoje nur knapp 400 Meter. Die alten Nehrunger nannten diesen Abschnitt Kaalland. In einem schweren Winterorkan am 18. Januar 1983 durchbrach die Ostsee hier die Vordüne und zerriss die Nehrung auf einer Länge von fast zwei Kilometer. Es dauerte mehrere Wochen, bis Pioniere der Armee und Hunderte Helfer den Durchbruch wieder geschlossen hatten, man erkennt die Stelle noch heute an der dammartig erhöhten Straße.
Die Wanderdünen erreichten Sarkau nie, die Nehrung war hier einfach zu schmal. Doch massive Rodungen führten auch hier dazu, dass ab der zweiten Hälfte des 16. Jahrhudnerts der Flugsand den Sarkauern immer mehr zu schaffen machte. Darum verfügte der preußische König schließlich 1715 die Verlegung des gesamten Dorfes um anderthalb Kilometer nach Süden...
Lesnoje hat sich im Vergleich mit dem historischen Sarkau sehr gewandelt. Am Ortseingang rechts aus Selenogradsk kommend steht ein lang gestreckter Bau, das heutige Kulturhaus. Dies war einmal die Sarkauer Kirche, gestiftet 1882. Sie wurde nicht, wie üblich, in Ost-West-Richtung gebaut: der Turm lag gen Norden. An der Hauptstraße erkennen alte Sarkauer noch ihre alte Schule.
Das heutige Dorf wirkt wie ein bunter Mix aus betagten Fischerhäusern, vereinzelten Bauten aus der Sowjetzeit und immer mehr Datschen, zum Teil villenartigen Neubauten reicher Kaliningrader und Moskauer. Vor allem längs der Stranddünen an der Ostseeseite ist eine ganze Kolonie solcher Anwesen entstanden, nicht immer mit legalen Baugenehmigungen und von hohen blickdichten Zäunen umgeben. Frei zugänglich ist in Lesnoje der Strand, der hier breit und feinsandig ist, am Leuchtturm gibt es auch eine kleine Promenade mit einem Sommercafé.
Etwa zwei Kilometer hinter dem Schlagbaum am Eingang zum Nationalpark weist in Richtung Lesnoje gesehen rechts ein Schild auf den „Königswald" (koroljewskij les) hin. Dieser prächtige Baumbestand war nie von der Versandung durch die Dünen bedroht und geht direkt auf den Nehrungsurwald zurück.
Etwa bei km 6,5 beginnt rechts ein etwa anderthalb Wanderrundweg zur einstigen Försterei Grenz. Der Lehrpfad führt durch ein Reich dendrologischer Raritäten: Die im 19. Jahrhundert hier gepflanzten Lebensbäume und japanischen Lärchen sind zu Riesenexemplaren aufgewachsen. Vom alten Forsthaus existieren nur noch Fundamente und ein Gedenkstein, eine Infotafel erzählt die Geschichte dieses stillen Ortes.
Unweit der Försterei steht am Haffufer eine Aussichtsplattform, auf der vor allem Ornithologen auf ihre Kosten kommen, denn die sumpfige Schilfwälder des Röhrichtgürtels sind ein Paradies für Trauerseeschwalben, Rohrdommeln und zahllose Graureiher. Auch avifaunische Seltenheiten wie Bartmeisen und Blaukehlchen sind hier zu beobachten.
Noch im 20. Jahrhundert hieß der moorige Wald rings um die Försterei Grenz bei den alten Sarkauern "Faule Brücke". Denn hier, im südlichen Nehrungsabschnitt, befand sich noch im frühen Mittelalter, ein Nehrungstief, also eine Verbindung zwischen Ostsee und Haff. Diese strategisch wichtige Stelle gilt als einer der wichtigsten Gründe dafür, dass das sagenumwobene Wiskiauten (etwa zwei km südlich von Cranz) als multiethnischer Handelsort von Pruzzen und Wikingern zu einer so großen Bedeutung aufwuchs.
Insgesamt muss es hier im Lauf der Jahrhunderte mehrere dieser Tiefs gegeben haben, geologische Untersuchungen belegen das. Und obwohl die Nehrung wohl ab dem 11./12. Jahrhundert immer stärker verlandete, rissen die alten Durchbrücke immer wieder auf. So am 28. November 1497, als ein Orkan die Nehrung durchriss: "Das gesammte Samland hat müssen auf sein und in der Sarkau die Nerie themmen", heißt es in einer alten Chronik.