In Selenogradsk weiß man mitunter nicht so genau, was man halten soll von den vielen halbfertigen oder mit Bauzäunen abgesperrten Gebäuden: Sind das nun Ruinen oder Baustellen? Die Antwort: von beidem etwas. Das herbe Nebeneinander von Zerfall und Aufbau ist prägend für das älteste und einst auch mondänste Seebad an der Bernsteinküste, das nach jahrzehntelanger Zwangsagonie seine Zukunft im Anschluss an eine große Kurort-Geschichte sucht.
Und in jüngster Vergangenheit ist da auch schon viel passiert, auch wenn das alte neue Cranz mit seiner Rivalin Swetlogorsk noch längst nicht mithalten kann. Was freilich auch daran liegt, das Selenogradsk einen ganz anderen, eher städtischen Charakter hat als das parkartige Kurzentrum von Rauschen.
Trotz des immensen Sanierungsbedarfs, der praktisch jedes Haus betrifft, ist viel von der Cranzer Altstadt erhalten und lohnt einen ausgedehnten Spaziergang. Von der Eleganz der alten Villen und Hotels blieben allenfalls Spuren, doch immerhin: Überall im Stadtzentrum wird gebaut und renoviert, mehr und mehr auch im Bemühen, historische Bäderarchitektur zu erhalten.
Das heute Stadtzentrum markiert der Platz vor der Post (im Selenogradsker Volksmund Krasnaja Ploschtschadj, Roter Platz genannt). Von hier aus ist es am Hochhaus des Tschajka-Sanatorium vorbei nicht weit bis zur Promenade, auf dem Weg dorthin steht am einstigen Corso noch das historische Gemeindeamt. Auch die ehemalige Mittelschule von 1929 am Bahnhof, das Backsteingebäude der Post und einige schöne Villen erinnern hier an das alte Cranz.
Längs der verkehrberuhigten Hauptstraße, von der Stadtverwaltung unlängst von Leninstraße in Kurort-Prospekt umbenannt, steht das zum Teil bereits restaurierte Cranzer Kurhaus, etwas skurril wirkt allenfalls das Lenindenkmal davor. Unweit vom Kurhaus steht direkt an der Hauptstraße ein auffallender Jugendstil-Bau: das ehemalige Kaufhaus Steinberg, seinerzeit eines der modernsten Ostpreußens.
Einen Abstecher wert ist auch der ehemalige, stark verwilderte Plantage-Park am östlichen Stadtrand. Die gepflegten Anlagen mit ihren Tennisplätzen (in Cranz fand eines der ersten internationalen Tennisturniere Deutschlands statt), dem Kurgarten und den Sommercafes gibt es nicht mehr.
Die 1897 geweihte evangelische Adalbertkirche mit ihrem schlichten schlanken Turm prägt noch immer die Silhouette der Altstadt. Der Sozialismus nutzte sie als Turmhalle. Das war durchaus ein Glücksfall: So überstand sie die „gottlose“ Zeit halbwegs instand gesetzt. Seit Ostern 2003 ist die Kirche wieder Kirche, nun im Dienst der russisch-orthodoxen Gemeinde – ebenso wie die ehemalige katholische Kirche in der Altstadt unweit der Fußgängerzone. (ul. Moskowskaja 26)
Die erste Cranzer Strandpromenade entstand schon 1850. Sie war aus Holz, etwa 900 Meter lang und so etwas wie die Hauptstraße des sommerlichen Strandbades: eine Flaniermeile zum „sehen und gesehen werden“, mit Pensionen, Gästehäusern, Cafés.
Von dieser eleganten Pracht ist nichts, aber auch gar nichts geblieben. Die alte Promenade riss man 1970 weg. Sie wurde nach sowjetischer Manier durch eine auf zwei Kilometer verlängerte, breitere und etwas landeinwärts versetzte Betonpiste ersetzt. Der Koloss gilt inzwischen an mehreren Stellen als einsturzgefährdet, weil die See mit ihrer starken Brandung seit Jahren ungehindert gegen die Betonstützen anstürmen kann – Folge des vernachlässigten Küstenschutzes. Darum soll die „Betonade“ seit Jahren durch eine neue, moderne, zum Teil wieder hölzerne Strandpromenade ersetzt werden, wobei man auch die einst über 200 Meter ins Meer ragende Mole wieder bauen will. Doch das Projekt wurde bislang aus Finanzierungsgründen heraus immer wieder verschoben.
Bedrohlich über diese „Asphaltstraße“ längs der Ostsee hinaus ragt die graue, arg Einsturzgefährdete Ruine des um 1970 erbauten Strandrestaurants „Priboj“, zu sowjetischer Zeit eins der Spitzenrestaurants des Kaliningrader Gebietes. Zeichen des Aufschwungs sind aber auch zu sehen, auch wenn das riesige Gazprom-Gästehaus am Corso, das der Staatskonzern Mitte der 1990er Jahre auf Wunsch des damaligen Präsidenten Boris Jelzin zu bauen begann, inzwischen zur Investruine verkommt: Nachfolger Wladimir Putin brauchte das Appartement nicht, umgehend ließ Gazprom die Bauarbeiter abziehen. Der Bürgermeister von Selenogradsk erfuhr von alldem jeweils nur aus der Zeitung...
Doch vor allem an den beiden Enden der Promenade wird viel gebaut, im Westend und in Richtung Nehrung beginnt sich das Bild zum besseren zu wenden. Im sanierten Rettungsturm gibt’s ein gutes Restaurant.
Vom legendären, einst fast hundert Meter (!) breiten Cranzer Strand hingehen ist, siehe Küstenschutz, zumindest im Abschnitt des Stadtzentrums kaum etwas übrig. Die stattdessen aufgeschütteten Steinpackungen haben den Strandabtrag und die Erosion der Küste eher gefördert, da sie durch ihr Eigengewicht einsanken und die Küste ins Rutschen brachte. Spuren der heftigen Stürme sind in der Böschung am Strand deutlich zu sehen.
Feinen und auch breiten Sandstrand gibt es immer noch – allerdings eher in Richtung Kulikowo und Nehrung.
Vom alten Bledau, heute Sosnowka drei Kilometer südlich von Selenogradsk an der Straße nach Kaliningrad, ist nicht viel erhalten, doch im Park steht eines der ganz wenigen überhaupt erhaltenen Gutshäuser im nördlichen Ostpreußen, und das in erstaunlich gutem Zustand. Was vor allem daran liegt, dass in dem Anwesen seit vielen Jahren die Gehörlosenschule des Kaliningrader Gebietes untergebracht ist.
Ein Gutshaus gab es in Bledau schon im 15. Jahrhundert. Das vermutlich älteste brannte 1694 nieder, wurde wieder aufgebaut und brannte 1913 erneut aus. Das heute noch stehende Gebäude entstand nach dem 1. Weltkrieg. Architekt war der damals in Ostpreußen mit solchen Bauten viel beschäftigte Graf von Hochberg, der den Herrensitz im Stil des Neobarock gestaltete.
Bereits zur Ordenszeit galt Bledau das bedeutendste Gut der Gegend um Cranz. Seit 1680 war es in Besitz der kurländischen Familie von Korff, im Jahr 1820 kamen die Güter wegen Überschuldung unter den Hammer. Die Korff-Erben beauftragten den Justizkommissar Dr. Wilhelm Ephraim Tortilowicz von Batocki, für sie den alten Besitz zu ersteigern. Der freilich überstieg die ihm aufgegebene Gebotsgrenze – mit der Folge, dass er nun selbst die Güter übernehmen musste. Was sich bald als glückliche Fügung erweisen sollte, denn dem Justizkommissar gelang es trotz der für die Landwirtschaft schwierigen Zeit, das heruntergewirtschaftete Gut Bledau zu einem der wertvollsten Besitztümer im Samland zu machen.
Zum Gut Bledau gehörten in der Vorkriegszeit die Güter Wosegau (Wischnewoje), Wiskiauten (Mochowoje) und Nuskern (Bezymjanka), insgesamt etwa 3500 Hektar bewirtschaftete Fläche (1920).
Vom Hafen Cranzbeek etwa zwei Kilometer südlich des Stadtzentrums an der Straße nach Kaliningrad fuhren vor dem Krieg Ausflugsdampfer und Linienschiffe nach Memel, zu den Sommerfrischen auf der Nehrung und sogar nach Tilsit ab. Bis das wieder soweit ist, wird’s schon noch eine Weile dauern, geplant immerhin ist schon mal der Ausbau des verwilderten Anlegers zu einem modernen Yachthafen. Im Sommer findet man hier aber meist einen Schiffseigner, der gegen einen kleinen Obolus eine Tour mit Gästen auf das Kurische Haff hin aus fährt.
Bis zur Mündung der Beek in das Haff sind es vom Hafen aus nur ein paar Bootsminuten. An der Mündung lag nehrungsseitig einst die geheimnisvolle, von Land kaum erreichbare Fischersiedlung Schwendlund. Ein paar Pfähle blieben. Rechts im Uferwald nisten mehr als tausend Kormoranpaare in einer der größten Brutkolonien des Baltikums. Die amphibische Haffuferzone an der Beek-Mündung mit ihren Seggeninseln und dem breiten Röhrichtgürtel ist ein Wasservogelparadies. Von der Krickente bis zur Zwergrohrdommel kommen hier noch viele europaweit vom Aussterben bedrohte Arten vor.
Das Fischerdorf Schaaksvitte ist einer der wenigen Orte am Südrand des Haffs, um an das moorige, von grundlosen Erlenbrüchen und Schilfgürteln gesäumte Ufer des Kurischen Haffs heranzukommen. Noch immer gibt’s in Kaschirskoje, wie das Dorf heute heißt, einige Fischer, ihre Boote liegen in dem verwilderten Hafen am Haff. Die Erträge sind wegen jahrzehntelanger Überfischung stark zurückgegangen, erst allmählich beginnen die Erträge sich zu erholen.
In Kaschirskoje hat man einen schönen Blick hinüber zur Nehrung, in der Ferne ist die südlichste Wanderdünenkette auszumachen. Am Ufer steht ein schwarzer Gedenkstein. Er erinnert an ein tragisches Unglück vom März 1994, bei dem 51 Eisangler ums Leben kamen: Ein kilometerlanges Eisstück hatte sich vom Ufer gelöst und war bei starken ablandigen Wind auf das riesige Gewässer hinausgetrieben. Die Rettungskräfte hatten bei der hereinbrechenden Dunkelheit nur wenig Chancen, die Eisangler zu retten.
Das große Dorf 8 km nördlich des Flughafens Chrabrowo an der Nebenstraße in Richtung Haff ist ein geschichtsträchtiger Ort. Daran erinnern die Ruine der Ordensburg Schaaken, die um 1270 auf den Resten einer mächtigen Pruzzenfeste erbaut wurde. Burg Schaaken war zu Ordenszeiten Domizil eines so genannten Pflegers, später Sitz des Herzoglichen Kammeramtes. Im Siebenjährigen Krieg bezog der berühmte russische General Suworow auf Burg Schaaken sein Hauptquartier. Ein paar Jahre zuvor hatte hier sogar einmal Peter der Große übernachtet. Der Zar schaffte es mit seinem Gefolge nach der Landung in Schaaksvitte schlichtweg nicht mehr rechtzeitig vor dem Abend nach Königsberg…
Ein enthusiastischer Kaliningrader Unternehmer hat die verfallene Ruine vor einiger Zeit gebaut und restauriert sie mit Hilfe eines deutschen Fördervereins gerade Stück für Stück. Es war sozusagen die Rettung in letzter Minute, auch wenn es bis zum Wiederaufbau noch viel zu tun ist. Ein Museumskomplex mit rustikaler Mittelalter-Erlebnisgastronomie soll daraus werden. Besichtigen kann man das Ergebnis schon jetzt, und das lohnt sich!
Etwas abseits vom eigentlichen Dorf liegt an der Kreuzung der Straße Gurjewsk – Kaschirskoje die einstige Liska Schaaken. Hier steht versteckt zwischen alten Bäumen die verwunschene Ruine einer Ordenskirche aus dem 14. Jahrhundert. Auch sie hatte, wie so viele, den Krieg völlig unbeschadet überstanden…
Seit alles über die neue Autobahn an die Küste rollt, ist es ruhig geworden in dem Dorf an der Chaussee zwischen Kaliningrad und Selenogradsk. Das alte Kirchdorf Laptau, 1351 erstmals urkundlich erwähnt, war einmal Sommersitz der samländischen Bischöfe, aber das ist mittlerweile nun auch etwas her, von der Burg ist nichts erhalten. Nein, daran sind in diesem Fall einmal nicht die Russen schuld! Die letzten Reste der Bischofsburg sind schon um 1850 geschleift worden, als man die Landstraße baute und Pflastersteine brauchte.
Der historische Dorfkern ist ziemlich gut erhalten, Schule, Bahnhof und die in den 1930er Jahren gebauten Siedlungshäuser und das Laptauer Kriegerdenkmal (1. Wk.) stehen noch.
Die Dorfkirche, ein verputzter Feldsteinbau aus dem 14. Jahrhundert, hat keinen Turm mehr und diente nach dem Krieg zunächst als Lager, seit 1990 Sporthalle. Nach Angaben des Kaliningrader Gebietsarchivars Anatolij Bachtin ist die Laptauer Kirche bereits während des Krieges durch Artilleriebeschuss stark zerstört worden. Der Turm und das steile Satteldach des Schiffs wurden allerdings erst 1987/88 abgerissen, als man das einstige Gotteshaus zum Sportsaal umbaute. Die einstige Kirchenglocke hing viele Jahre lang an einem Baum neben der Verwaltung des Dorfsowjets. Irgendwann verschwand sie spurlos.
Auch die reiche, zum Teil noch ordenszeitliche Innenausstattung der Kirche, unter anderem ein Altarschrein nach Dürer-Vorlagen und die Kanzel aus dem frühen 17. Jahrhundert, ist verschollen.
Bekannt ist das heutige Muromskoje vor allem durch seinen Bernsteinreichtum. Anfang der 1990er Jahre fand man hier beim Bohren eines Brunnens einen fast anderthalb Kilogramm schweren Bernsteinbrocken, daraufhin brach eine regelrechte Goldsucherstimmung in der Umgebung des Dorfes aus. Die Polizei setzte dem mit mehreren, ziemlich raubeinigen Einsätzen und Verhaftungen bald ein Ende, doch Muromskoje ist seither eine der Hochburgen der illegalen Buddelei nach dem "Gold der Ostsee" im Hinterland der russischen Bernsteinküste. Rings um den Ort gibt es Dutzende von Gruben bis hin zu richtigen kleinen "Tagebauen", versteckt in kleinen Gehölzen und Wälchen angelegt.
Allein 2011 verhaftete die Miliz fast einhundert Menschen wegen illegaler Bernsteinförderung, beschlagnahmte mehr als 50 kg Rohbernstein und Technik, aber die Abschreckung hält nicht lange vor. Die Aussicht auf ein paar Rubel bringt das gefährliche Graben schnell wieder in Fahrt - und die Hinterleute, die den den armen Teufeln in ihren Erdlöchern den jantar abkaufen und damit das eigentliche Geschäft machen, erwischt niemand.
Doch eigentlich sollte der Bodenschatz hier für alle reichen. Russische Geologen beziffern das Rohbernsteinvorkommen bei Muromskoje vorsichtig mit 300 000 Tonnen.
Die Dorfkirche von Powunden, dem heutigen Chrabrowo 12 km südöstlich von Selenogradsk, galt als eine der schönsten im ländlichen Ostpreußen. Die filigrane Turmspitze des spätmittelalterlichen Backsteinbaus ragte über den Dächern des Dorfes auf und war im flachen Land kilometerweit zu sehen. Kunsthistorisch bedeutsam war die Kirche vor allem wegen ihrer um 1370 entstandenen Wandmalereien, sie waren erst 1924 bei Restaurierungsarbeiten wiederentdeckt worden.
Von all dem sind nur Trümmer erhalten. Die Kirche überstand den Krieg unbeschadet und wurde zu sowjetischer Zeit zunächst als Dorfklub genutzt. Als der in den 1970er Jahren schloss, dauerte es nicht lange, bis das Baudenkmal zum ersten Mal in Flammen stand. Nach mehreren Bränden verkam die Ruine zum Steinbruch, viele Garagen und Anbauten im heutigen Dorf bestehen aus Backsteinen der alten Powundener Kirche.
Seit 1994 stehen ihre Reste unter Denkmalschutz, den Verfall und die Zerstörungen hielt das nicht auf. Heute sind nur noch Teile der gotischen Außenmauer erhalten, überall sind die Spuren von Raubgräbern zu sehen, die hier nach verborgenen „Schätzen“ graben.
Im Dorf selbst ist kaum etwas sehenswert. Vor dem Eingang zum Militärflugplatz gammelt eine ausgeschlachtete sowjetische Iljuschin-18-Transportmaschine vor sich hin, einst ein Denkmal, inzwischen nur noch ein Haufen Schrott.
Chrabrowo grenzt an das Kaliningrader Flughafengelände und gab dem 1962 eröffneten Kaliningrader Airport den Namen. Bereits zu deutscher Zeit befand sich hier ein Flugplatz der Luftwaffe. www.airport-kaliningrad.ru
Im Dörfchen Roschtschino, 15 km westlich von Selenogradsk, steht eines der wenigen erhaltenen Schlösser im einstigen Nordostpreußen. Die meisten Adelssitze fielen dem Krieg und den Zerstörungswellen der Nachkriegeszeit zum Opfer.
Schloss Grünhoff wurzelt in bewegter Geschichte. Früheste Urkunden aus der altpreußischen Zeit belegen, dass hier schon 1323 ein Komtur seinen Sitz hatte, eines der größten Gestüte des Ordensstaates bewirtschaftend.
Friedrich Wilhelm II., Preußens „Großer Kurfürst“, ließ sich anstelle der alten Komturei ein Wohnhaus bauen für die Zeit zwischen den Jagden im Grünhoffer Forst, einem riesigen Waldgürtel südlich des Dorfes, in dem seinerzeit noch Elche, Wisente und Bären lebten. Ein Schloss war das um 1640 fertig gestellte „Churfürstliche Haus“ wohl noch nicht, das machte 1703 erst Friedrich I. draus. Zwei Jahre, nachdem er sich in Königsberg selbst zum „König in Preußen“ gekrönt hatte, ließ er Grünhoff durch seinen Baumeister Christian Friedrich Eltester zum Jagdschlösschen aufpeppen, mit ovalem Festsaal und Lustgarten. Doch auch dies war nur ein Intermezzo.
Seine große Zeit brach für Schloss Grünhoff erst an, als die Domäne 1815 in den Besitz von Friedrich Wilhelm Graf Bülow von Dennwitz gelangte – als königliche Ehrengabe für die Verdienste, die sich der tapfere Graf als preußischer General und Heerführer im Krieg gegen die napoleonischen Truppen erworben hatte. Graf Bülow von Dennewitz ging als dreimaliger Erretter von Berlin in die Geschichte ein, nahm an der Befreiuung der Niederlande teil und zog 1816 hochdekoriert als Generalgouverneur von Ost- und Westpreußen in Königsberg ein.
Von seinem neuen Besitz hatte der General allerdings nicht mehr viel. Er starb kurz nach seiner Rückkehr nach Ostpreußen und wurde von seinem Sohn Albert in einer eigens erbauten Gruftkapelle im Park von Schloss Grünhoff bestattet.
Besagter Friedrich Albert Graf Bülow von Dennewitz war es auch, der das königliche Jagdschloss zwischen 1850 und 1854 im spätklassizistischen Stil umgestalten und beträchtlich ausbauen ließ, nach Entwürfen des Königsberger Baumeisters Mohr. Im Samland-Wanderführer von 1926 schwärmt Rudolf Brückmann von "dem hübsch gelegenen Rittergute" und dem "Schloßpark mit schönen Baumgruppen" sowie dem "Mausoleum des aus der Zeit der Freiheitskriege berühmten Generals".
Das alles ist heute nur noch zu ahnen, aber immerhin: Das Schloss steht noch. Den Krieg soll es halbwegs unbeschadet überstanden haben, zu sowjetischer Zeit nutzten es die neuen Herren unter anderem als Kindergarten und Landambulatorium. In den chaotischen 1990er Jahren brach die medizinische Versorgung zusammen, das Ambulatorium wurde geschlossen und zog aus. Nun stand das Schloss leer, begann bald zum Ziel von Vandalismus und Plünderungen zu werden und verfiel in beängstigendem Tempo.
In buchstäblich letzter Minute fand es 2010 einen neuen Eigentümer, ein Privatmann aus Kaliningrad will das Schloss und den völlig verwilderten Park angeblich originalgetreu wieder aufbauen. Über die künftige Nutzung ist noch nichts bekannt, passiert ist bisher wenig, doch wenigstens gegen Einbrüche und weiteren Verfall gesichert ist das Baudenkmal inzwischen.
Vom 1945 zerstörten Mausoleum des Generals im Gallwald östlich von Gut Grünhoff sind nur noch einige Trümmer vorhanden, unter anderem ein Stein mit der Jahreszahl der Fertigstellung der achteckigen neugotischen Grabkapelle: 1843. Wege gibt es in dem verwilderten Gutswald kaum noch, man findet die Stelle des Erbbegräbnishains am besten, wenn man sich an den großen Eichen orientiert. Sie säumten einst eine Allee.
Seit mehr als hundert Jahren suchen Archäologen am Rand der Niedermoorsenke südlich von Selenogradsk nach Spuren der versunkenen Wikingersiedlung Wiskiauten. Lange Zeit kannte man nur das 1865 entdeckte Gräberfeld mit den mehr als 500 Bestattungen, aus deren Erforschung weiß man um die Bedeutung und den Wohlstand der Handels- und Handwerkssiedlung, in der zwischen dem 8. und dem 10. Jahrhundert heidnische Pruzzen und Skandinavier zusammen lebten. Wiskiauten gilt als letztes verschollenes Glied in der Kette wikingerzeitlicher Siedlungsplätze an der südlichen Ostseeküste zwischen Haithabu an der heutigen deutsch-dänischen Grenze und dem lettischen Ventspils.
In den letzten zehn Jahren gelang es dem Kieler Archäologen Dr. Timo Ibsen und seinem Team mit Hilfe moderner Technik und Grabungsmethoden, die Lage Wiskiautens einzugrenzen, erstmals wurden Reste der Siedlung aus der wikingerzeitlichen Periode sicher bestimmt. Im Rahmen von acht Kampagnen konnte Ibsen dank Georadar und -magnetik das Siedlungsgebiet immer weiter eingrenzen - bis er schließlich fündig wurde und nach und nach sechs Areale lokalisieren konnte, in denen zwischen dem 6. (!) und dem 12. Jahrhundert Menschen gelebt hatten.
Am Ende ging es in den Grabungen nicht mehr nur um Wiskiauten, sondern um eine weit tiefer wurzelende Siedlungskammer - sie reicht weit hinein in das "dark age" des Baltikums. Denn aus dem 6. und 7. Jahrhundert ist in diesem Teil der Ostsee bislang über die Besiedlungsgeschichte wenig bekannt.
Inzwischen haben die Kieler Archäologen ihr Projekt Wiskiauten beendet. Details zu den Forschungen sind unter www.wiskiauten.eu nachlesbar. Das ist doch mal eine schöne Internet-Adresse: Wiskiauten in der EU...
Der Wikingerfriedhof befindet sich in einem kleinen Wäldchen bei Mochowoje. Viele der Gräber sind in den letzten Jahren leider von Grabräubern geplündert worden. Und die Kaliningrader Behörden unternehmen nichts, um diese Zerstörung eines Kulturdenkmals zu unterbinden.