Swetlogorsk, das einstige Rauschen, kann man ohne Übertreibung als beliebtesten und zweifellos auch schönsten Ort des Kaliningrader Gebietes bezeichnen. Mit seinen alten und neuen Villen unter dem schützenden Schirm aus Kiefern und Buchen, mit seinen Sanatorien, Hotels und Restaurants, dem parkartigen Kurzentrum rings um den alten Rauschener Wasserturm, der Meerespromenade und der seltenen Kombination aus Strand und Steilküste strahlt das Seebad ein unverwechselbares, entspannendes Flair aus.
Wer nach Swetlogorsk fährt, will sich erholen. Das war schon Mitte des 19. Jahrhunderts so, als Rauschen dank seiner schönen Lage zum beliebten Badeort aufstieg und als Ferienziel bald auch außerhalb Ostpreußens berühmt wurde, Thomas Mann machte hier Urlaub, Käthe Kollwitz, Hermann Sudermann, Heinz Rühmann.
Dass das Seebad die Sowjetzeit so unbeschadet überstand, hat seinen Grund: Partei und Militär erkoren sich Swetlogorsk zum Erholungsort, als „Sotschi des Nordens“ war der Ort in der ganzen Sowjetunion bekannt. Eine Kur dort galt als Auszeichnung. Heute kommen im Jahr über 100 000 Besucher, Zehntausende Tagesgäste an schönen Sommerwochenenden nicht mitgezählt.
Das eigentliche Seebad mit seinem Kurzzentrum liegt im Stadtteil Swetlogorsk II, dem einstigen Rauschen Düne. Dort gibt es kaum noch „normale“, sprich bezahlbare Wohnhäuser, die einheimischen Normalverdiener leben denn auch im tristen Swetlogorsk I.
Einen Blick mehr wert ist der Bahnhof des Kurortes. Die Station Swetlogorsk II, historisch Rauschen-Düne, wurde unlängst stilvoll restauriert und sieht nun selbst nach Meinung alter Ostpreußen schöner aus als in der Vorkriegszeit.
Gegenüber auf der anderen Seite der ul. Lenina residert unter alten Kiefern eins der üppigsten neurussischen Millionärs-Anwesen in Swetlogorsk: die „Datscha“ von Wagit Alekperow, Chef der regionalen Filiale des Ölgiganten Lukoil.
Wenn man dem kleinen Weg links davon, ausgeschildert als Zufahrt zum Hotel Universal, ein paar Meter folgt, kommt man links an einem Altrauschener Holzhaus vorbei. Hier verbrachte die Grafikerin und Bildhauerin Käthe Kollwitz einen Teil ihrer Kindheit und auch später noch viele Sommerwochen.
Der von wildem Wein umrankte alte Wasserturm, heute Teil eines Warmbades des Militärsanatoriums, fehlt wohl auf keinem Swetlogorsker Urlaubsvideo. Er schaffte es sogar schon als Motiv auf eine russische Briefmarke. Das fast 30 Meter hohe Wahrzeichen des Kurortes stammt mit seiner Jugendstilarchitektur unverkennbar aus der Vorkriegszeit. Die Sonnenuhr kam später hinzu. Sie ist ein Werk des in Swetlogorsk lebenden Bildhauers Nikolai Frolow, der sich in der Tradition Hermann Bracherts (siehe Otradnoje/In der Umgebung) sieht.
Offiziell ist die Galerie des Turms nicht geöffnet, aber freundliches Fragen lohnt sich meist, manchmal werden Gäste hinaufgelassen. Von oben hat man einen herrlichen Blick über die Küste.
Im Sommer verwandelt sich die gut einen Kilometer lange Strandpromenade in einen dicht bevölkerten Mix aus Tourismusmeile, Basar und Biergarten. Kaum irgendwo sonst im Kaliningrader Gebiet ist das Angebot an Bernstein größer als hier. Der Palast mitten auf der Promenade ist das „Grand Palace“, ein Fünfsternehotel, auf dessen illustrer Gästeliste schon Wladimir Putin und Gerhard Schröder standen.
Vom Lift einmal abgesehen, führen drei Wege vom Kurzentrum hinab bzw. von der Promenade wieder hinauf. An ihrem östlichen Ende kann man die breite Promenadentreppe nehmen durch die Venusschlucht, wie man in Rauschen sagte. Wo die Treppe auf die Promenade mündet, zeigt eine aus bunten Keramikscherben kunstvoll komponierte Sonnenuhr die Zeit an, es ist angeblich die größte Sonnenuhr der Ostsee. Am Entgegengesetzten Ende der Promenade schaukelt eine originelle Seilbahn (russ. kanatnaja doroga) mit 16 bunten offenen Zweimanngondeln die Steilküste rauf und runter (oberer Zugang am Bahnhof). Nahe dem Lift (oberer Zugang am Restaurant Korwet) gibt es schließlich noch den Serpentinenweg, der seinem Namen alle Ehre macht. An seinem unteren Ende steht eine weitere Skulptur Hermann Bracherts in einer Halbgrotte: die „Nymphe“.
Eine Schönheit ist der 1971 als Aufzug für Sanatoriumsgäste zwischen Kurzentrum und Promenade erbaute Turmlift nicht gerade. Doch er hat auch sein Gutes: die Aussicht von der Galerie. Einen schöneren Panoramablick auf die Rauschener Steilküste gibt es nicht! Der obere Eingang zum Lift befindet sich nahe des Restaurants Korwet.
Gleich neben dem historischen Wasserturm erstreckt sich längs der ul. Oktjabrskaja der alte Kurpark, in Rausachen hieß er wegen der hohen markanten Nadelbäume Lärchenpark. In seinem Zentrum steht die „Wasserträgerin“, eine anmutige Skulptur des Bildhauers Hermann Brachert, der in Georgeswalde bei Rauschen lebte und arbeitete. Die Marmorplastik entstand 1940 als Brunnenfigur.
Rauschens einstige Katholische Kirche dient heute als Orgelsaal. Im Sommer gibt’s hier oft schöne Konzerte, auch mit deutschen Gastorganisten. Es lohnt sich, auf die Aushänge zu achten. Ul. Gagarina/Lenina
Wenn man die etwa parallel zur Küste verlaufende ul. Lenina in östliche Richtung geht, kommt man an einer russisch-orthodoxen Gedächtniskapelle vorbei. Sie ist dem Gedenken an 23 Kinder und 12 Erwachsene gewidmet, die 1972 bei einem schrecklichen Unglück ums Leben kamen: Ein Transportflugzeug der Sowjetarmee stürzte in dichtem Nebel von See kommend in einen Kindergarten des Ortes. Ein öffentliches Andenken an diese Katastrophe war zwei Jahrzehnte lang tabu. Erst in den 1990-er Jahren durfte am Unglücksort die Kapelle errichtet werden.
Kurz bevor die Flaniermeile von Swetlogorsk, die oktjabrskaja, in den Serpentinenweg hinunter zur Strandpromenade mündet, steht links ein kleiner Gedenkstein mit der stilisierten Plastik in Form eines aufgeschlagenen Buches. Er erinnert an Thomas Mann, der 1929 in Rauschen Urlaub machte und hier seine berühmte Novelle „Mario und der Zauberer“ schrieb. Den Stein enthüllte 2001 ein „Kollege“ des Schriftstellers: Literaturnobelpreisträger Günter Grass. Ul. Oktjabrskaja, am Sommergarten des Restaurantkomplexes Korwet
Der alte Rauschener Mühlenteich, heute tichoje osera, stiller See genannt, entstand wie die meisten derartigen künstlichen Gewässer Ostpreußens in der Ordenszeit. Die Ritter ließen, nachdem sie die Küste im 14. Jahrhundert unterworfen hatten, hier den Katzbach anstauen und betrieben am Ostufer des Teiches die größte Mühle des Samlandes. Sie ist nicht erhalten, doch die über 400 Jahre alten Linden (die stärkste misst acht Meter Stammumfang!) markieren den alten Mühlenstandort. Heute ist der malerisch von hohen Bäumen umgebene „See“ ein beliebtes Erholungsziel, am Nordufer gibt es eine breite Promenade.
Gegenüber breitet sich ein verwunschen wirkender Waldpark aus – etwa dort, wo die Katzgründe beginnen, an denen einst, vor der Eroberung durch den Orden, die Pruzzensiedlung Rusemoter lag.
Im Winter friert der Mühlenteich schnell zu und verwandelt sich dann vor allem an den Wochenenden in eine große Eislaufarena, die halbe Provinz scheint sich hier zum Schlittschuhlaufen zu verabreden.
Das etwa drei Kilometer westlich unter dichtem Küstenwald an der Steilküste gelegene einstige Georgenswalde, zu Beginn des 20. Jahrhunderts rings um einen Gutshof als Mischung aus Gartenstadt und Villenviertel gewachsen, wirkt ein wenig wie die „wilde“ Schwester Rauschens. Auch hier sind in den letzten Jahren viele Villen restauriert und neue dazugebaut worden, aber alles wirkt herber, weniger touristisch als in Swetlogorsk. Otradnoje war und ist vor allem eine Adresse für Ferienheime und Sanatorien.
In Georgenswalde lebte der Bildhauer und Kunstprofessor Hermann Brachert, dessen Haus an der Steilküste heute ein informatives und sehr sehenswertes Museum beherbergt. (ul. Tokarewa 9).
Brachert gelang 1945 die Flucht in den Westen, er wirkte nach dem Krieg noch viele Jahre als Rektor der Kunstakademie in seiner Geburtsstadt Stuttgart.
Wer sich für die ordenszeitliche Geschichte dieses Landstrichs interessiert, findet Salskoje, 5 km südwestlich von Swetlogorsk, noch die traurige Ruine der Ordenskirche St. Lorenz von 1450. Sie ist in den letzten Jahren von Dorfbewohnern trotz Denkmalschutzstatus erheblich abgetragen und verwüstet worden. Im Dorf sieht es ziemlich finster aus, von Tourismus ist hier trotz der nahen Küste rein gar nichts zu spüren.
Die Samlandküste ist beidseits von Otradnoje von wildromantischen Schluchten durchbrochen, die zu ostpreußischer Zeit entsprechend kraftvolle Namen trugen: Wolfskessel, Detroitschlucht, Gausupschlucht, Blaue Rinne... Die zerklüftete Küstenlandschaft zog Künstler und Dichter magisch an. Der Reiseschriftsteller Ferdinand Gregorovius verewigte sie 1851 in seinen „Idyllen vom baltischen Ufer“ und Wilhelm von Humboldt schwärmt in seinem Tagebuch: „Die Schweiz ist romantisch, aber die Samlandküste noch viel mehr“.
Von den Spazierwegen und Treppenaufstiegen, die zu Vorkriegszeiten hier angelegt wurden, ist zwar nichts erhalten. Doch noch immer lohnt sich eine Wanderung an dieser rauen Küste entlang. Mühsam und nicht ungefährlich ist allenfalls der Auf- und Abstieg, am einfachsten ist es, sich an die „Trampelpfade“ zu halten
Für seine Aussicht geradezu berühmt und ein Wahrzeichen der Samlandküste war in der Vorkriegszeit der „Zipfelberg“ bei Groß Kuhren, heute Primorje, 8 km westlich von Swetlogorsk. Die Erosion hat zwar viel von dem markanten „Gipfel“ des Steilufers abgetragen, doch immer noch ist der Panoramablick auf Ostsee und Küste wundervoll.
Nur zu finden und zu erreichen ist dieser Punkt nicht mehr so leicht, denn weder hat die Aussichtsplattform, Roseneck genannt, die Brüche der Geschichte überstanden noch gibt es irgendwelche Wegweiser. Aus Richtung Swetlogorsk/Otradnoje kommend, biegt man in Primorje von der Hauptstraße in Höhe der Kulturhaus-Ruine rechts ab und dann an der Vergabelung vor der alten Groß Kuhrener Kirche (Mit dem Lenin-Kopf davor) gleich wieder links. Der Weg in Richtung der nahen Küste wird immer miserabler, doch nach dem Passieren des Militärobjekts ist man fast am Ziel. Auto abstellen und die etwa 250 Meter nach rechts zur Steilküste gehen. Der Rest des Zipfelbergs ist leicht auszumachen, ein Trampelpfad führt hin.
Links (nördlich) sind unweit vom Zipfelberg im Hang noch terrassenartige Spuren zu erkennen: Hier wurde in den 1960 Bernstein abgebaut, doch die Ausbeute lohnte sich nicht lange.
Bitte unbedingt Vorsicht am Kliff, vor allem mit Kindern! Die Steilküste ist hier völlig naturbelassen und hat keinerlei Absperrungen, es geht senkrecht abwärts!!