Unter der Rubrik »Sehenswertes« finden Sie Ausflugsziele in der Region und Information zu den Städten.
Unser Domizil in der früheren Cranzer Bergstraße ist architektonisch nichts Besonders. Also keine Villa oder so etwas. Das Haus sieht aus wie Häuser in deutschen Stadtrandsiedlungen der Zwanziger- und Dreißigerjahre halt aussahen: schmucklos und funktional. Ein Entwurf von der Stange sozusagen, mit einfachem Satteldach, Keller, Parterre, Obergeschoss und Dachboden, der ursprünglich als Abstellkammer genutzt wurde – wir haben ihn als Atelier-Büro mit einem kleinen (Reserve-) Gästezimmer ausgebaut.
Auch der innere Raumplan ist nicht eben extravagant, aber praktisch. Gut, die Küche könnte größer sein, aber was soll’s. In welch kleinen Räumen die Leute früher wohnten und damit wohl zufrieden waren, gibt ja auch zu denken.
Das Grundprojekt für diesen Haustyp entstand, soweit ist aus historischen Unterlagen zur Bebauung der Westend-Siedlung bekannt, Anfang der 1930er Jahre im Rahmen eines Architektenwettbewerbs, ausgeschrieben von der Deutschen Bauhütte. Technische Unterlagen und Dokumente aus der Bauzeit des Hauses besitzen wir nicht, sie gingen wahrscheinlich in den Kriegswirren verloren.
Wann das Haus in der Bergstraße (heute uliza Kapitana Browzewa) genau gebaut wurde, haben wir daher bislang nicht herausbekommen können. Selbst alte Cranzer, gemeinhin stolz auf ihre Ortskenntnis und stets zu detailreichen Erinnerungsberichten bereit, haben uns nicht weiterhelfen können oder wollen.
Unseren Schätzungen nach dürfte das Haus Anfang der 1930er Jahre gebaut worden sein. Darauf deutet das einzige "Dokument" hin, dass wir aus der Gründungszeit des Hauses besitzen: In der Glaswolle der Dachisolation steckte noch ein Packzettel der Königsberger Baustoffhandlung August Honig mit Datum 10. September 1940.
(Es war ein Montag, laut Königsberger Wetteraufzeichnungen ein windiger, für die Jahreszeit viel zu kalter Tag. Deutsche Jagdbomber griffen an diesem Tag den Hafen von Portsmouth an und bombadierten den Londoner Buckingham-Palast. Die Wehrmacht gab die Verdoppelung ihrer Panzerdivisionen bekannt, der Überfall auf die Sowjetunion war längst beschlossene Sache...).
Ebenso unbekannt blieb uns bis heute, wer das Haus erbaute. Details deuten darauf hin, dass der Bauherr wohl nicht ganz unvermögend gewesen ist. Das Haus hat eine Tiefgarage – ein Auto besaßen in den 1930er Jahre gewiss die wenigsten. Auch der große Balkon und der ursprünglich aufwändig mit Steinzeugplatten abgesetzte Sockel der Fassade gehen über den Standard eines Siedlungs-Wohnhauses hinaus. Beim Umbau fanden wir dünne Kabel aus der Vorkriegszeit, die wahrscheinlich zu einer Telefonleitung gehört haben. Auch das war damals sicher in Privathaushalten noch nicht allgemein üblich.
Im Gegensatz zu vielen anderen Häusern in der Nachbarschaft hat sich hier, das bestätigten die Vorbesitzer, seit der Öffnung des Kaliningrader Gebietes für Ausländer nie ein Verwandter der einstigen Besitzer gemeldet - oder gar der Bauherr selbst. Spannend wäre so ein Besuch ganz bestimmt für beide Seiten.
Sicherlich ist dieses Haus nicht mehr, wie im Cranzer Westend anfangs üblich, als Küsten-Sommerfrische entstanden. Dagegen spricht die massive Doppelschalenbauweise, die das Haus auch nach heutigen Maßstäben sehr gut dämmt. Zwei Schornsteine und gemauerte Ofenfundamente aus der Bauzeit des Hauses lassen darauf schließen, dass in allen Zimmer Kachelöfen standen. (keiner erhalten).
Sicher, alles längst Vergangenheit. Dennoch reizt es, die Geschichte des Hauses bis zu den Anfängen zurückzuverfolgen - steht es doch stellvertretend für die gebrochene Historie dieses Landstrichs. Auch über sein Nachkriegsschicksal ist uns leider so gut wie nichts bekannt: Wer hier wie lange wohnte und wie und warum alles im mehr verwahrloste – lauter Fragezeichen. Was wir von Nachbarn (die 1948 aus Zentralrussland hierher übersiedelten) wissen: Nach dem Krieg waren Haus und Garten lange in sehr gutem Zustand, es wohnte ein pensionierter Offizier mit seiner Familie drin, er brachte alles in Ordnung und hielt Bienen im Garten, in dessen Mitte damals noch ein riesiger Süßkirschenbaum stand.
Später wechselten die Bewohner oft. Einer stopfte den Keller voll mit Kaninchenboxen, der nächste fällte im Winter den Kirschbaum, weil ihm das Brennholz ausgegangen war…
Als wir das Haus 1999 (von drei Familien) kauften, sah es äußerlich und flüchtig betrachtet immer noch ganz passabel aus, doch bei näherem Hinsehen war es eine verwahrloste, völlig verwohnte Ruine. Das Wohnzimmer: eine vermüllte Schusterwerkstatt. Sämtliche Türen: zerschlagen. Das Wasser aus der kohlebefeuerten Zentralheizung diente, über einen Schlauch abgezapft, zugleich als Waschwasser, die Gardinen, steif vor Dreck, als Handtücher. Der mit Gerümpel, Unrat und Abfall bis vollgestopfte Keller stand zehn cm unter Wasser, und das seit Jahren: weder Drainage noch Kanalisation funktionierten noch… Das 2000 qm große Gartengrundstück glich einer waldartigen Wildnis aus Gestrüpp, meterhohem Gras und vielen Tonnen verkipptem Hausmüll. Die gut zehn Meter hohen Weißbuchen, die das Grundstück umgeben, waren zu deutscher Zeit wohl mal als Hecke gepflanzt worden.
Die Bäume auf diese Höhe zurückzuschneiden, geht natürlich nicht mehr. Wozu auch? So eine ausgewachsene haushohe "Hecke" hat auch ihre Vorteile: Im Sommer steht das Haus in seinem eigenen "Park". Zwischen Herbst und Frühling, wenn hier an der Küste oft Stürme toben, halten die Baumkronen einiges an Wind ab. Weißbuchen sind sehr biegsam – selbst in schweren Orkanen ist bisher kein Baum unserer Hochstamm-Hecke gebrochen…